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Noah

Post von Noah: 14.05.2013, 1 Brief(e)

Mischling, kastrierter Rüde, geb. ca. 2007, Größe: ca. 50cm

Notfall Noah - Zuhause gesucht auf Lebenszeit!

Noah ist ein wunderbarer Hund. Mittelgroß, ein wenig struppig, geschätzte fünf Jahre alt. Aufmerksam, intelligent, anschmiegsam und liebevoll. Er will leben, ganz und gar und dabei sein Herz verschenken. An Menschen, die dieses kostbare Geschenk verdient haben. Weil sie besonders sind. So besonders wie er.

Im September 2012 begegnete Noah zum ersten Mal in seinem Leben dem Glück. Er gehörte zu den Auserwählten die ein Ticket in eine lebenswerte Zukunft lösen konnten und so führte ihn sein Weg zu diesem Zeitpunkt in die Obhut des Eifelhof Frankenau. Obwohl noch so jung, war er bereits schwer gezeichnet von den Strapazen und Qualen, die bis dahin sein Leben gewesen waren. Ängstlich und überaus vorsichtig versuchte er von Anfang an möglichst wenig aufzufallen und vermied jeden engen Kontakt zum Menschen. Schutz und Orientierung suchte er bei einer größeren Hündin in seinem Rudel. Sie war zwar ebenso wie er der Hölle eines kroatischen Massenauf fanglagers entkommen, doch hatte sie bis sie dorthin kam, wohl das Glück gehabt weniger schwerwiegende traumatische Erfahrungen machen zu müssen als Noah. Hanka war souverän und selbstbewusst, noch dazu jedem Menschen freundlich zugetan. Sie konnte Noah zunächst „mitnehmen“ in der neuen fremden Umgebung und ihm zeigen, dass diese Station auf ihrem zeitweilig gemeinsamen Lebensweg vielleicht diesmal gar nicht so übel sein würde. Auch uns, den Mitarbeitern des Tierheimes, leisten aufgeschlossene und vertrauensvolle Hunde wie Hanka immer wieder unentbehrliche und unbezahlbar wertvolle Dienste, beim knüpfen der ersten zarten Bande zu verletzten Seelen wie der von Noah.

Wir ließen ihn in den ersten Tagen bei uns einfach komplett in Ruhe und wollten jeden Druck und Zwang von ihm nehmen. Nach und nach sollte er verstehen, dass der Eifelhof ein Ort der Zuflucht und des Schutzes ist. Ein Platz an dem die Tiere sich ausruhen dürfen, von den Strapazen ihres bisherigen Lebens. Wir groß deren Ausmaße oft wirklich sind, davon haben wir anfangs meist noch keine wirklich Vorstellung, haben allenfalls eine vage Ahnung. So war es nun auch bei Noah.

Wir wussten nicht besonders viel über diesen Hund, der uns voller Misstrauen anschaute und uns niemals aus den Augen ließ, wenn wir seinen Zwinger betraten. Er wollte ganz eindeutig irgendwie einschätzen können wie bedrohlich wir für ihn sein würden. Er ging höchstwahrscheinlich nicht davon aus, dass ihm von uns keine Gefahr drohte. Deshalb sollte er genau das jedes Mal erfahren, sollte spüren dass wir auf seiner Seite waren.

Ein Gefühl das ihm vermutlich abgrundtief fremd war. Bedroht und vertrieben, verletzt und verloren, das war Noah zeitlebens bis er zum Eifelhof kam. Er hatte ganz sicher keine Vorstellung davon, dass es auch für ihn einen Platz auf dieser Welt geben könnte, an dem er nicht nur geduldet sondern auch geschützt und geliebt sein würde. Doch genau das wollten wir ihm nun vermitteln, wollten ihm zeigen, dass er bei uns sicher und in Liebe aufgehoben war.

Nachdem Noah einige Tage bei uns auf dem Eifelhof war und auch dann noch ruhig liegen blieb, wenn wir seinen Zwinger betraten, begannen wir ihn immer wieder mal vorsichtig zu streicheln. Dabei merkten wir schnell wie sehr er diese Berührungen genoss, auch wenn er anfangs immer erst für einige Momente sehr angespannt war. Doch sobald Noah merkte, dass unsere Hände ihm tatsächlich nur Wärme und Zuneigung gaben, begann er recht schnell sich zu entspannen. Diese Kuschelstunden wurden zunehmend immer ausgedehnter und es dauerte gar nicht lange, bis Noah sich traute deren Fortse tzung zaghaft einzuforden. Bezaubernd war dabei die Art wie er uns vorsichtig sein Pfötchen entgegenstreckte, um noch ein wenig mehr von den besonderen Momenten der ungeteilten Zuwendung zu erbetteln.

Im Kontakt mit einem Tier wie Noah erlebt man in solchen Augenblicken immer wieder eine unbeschreibliche Gefühlsambivalenz. Einerseits tief berührt und glücklich über die ersten zarten Bande und das zaghaft wachsende Vertrauen, ist genau das es aber auch, was diesen einen besonderen Schmerz unvermeidlich hervorzurufen vermag. Es ist die Trauer über das unendliche Leid und das Unrecht, das diese Tiere in ihrer Schutzlosigkeit erdulden mussten und von dem man sich so sehr wünscht, man könnte es ungeschehen machen. Dabei hat jedes Tier seine ganz eigene Geschichte, die sich uns aber oft erst mit der Zeit bruchstückhaft erschließt. So auch Noah, dessen ganze Tragik sich uns erst noch nach und nach offenbaren sollte.

Zunächst entwickelten sich die zarten Bande des Vertrauens aber immer weiter, lernte No ah sowohl in uns, den Tierheimmitarbeitern, als auch in den ehrenamtlichen Hundeausführern keine Gefahr mehr zu sehen. Er begann die gemeinsamen Spaziergänge zu genießen und seine

Freude über diese auch immer deutlicher zum Ausdruck zu bringen. Doch gerade dabei fiel uns schnell auf das mit ihm offenbar etwas nicht stimmte. Während wir anfangs die morgendlichen feuchten Decken und das ein oder andere Häufchen in seinem Körbchen noch als ein Zeichen seiner Unsicherheit und Unterwürfigkeit interpretierten, zeigte sich auf den Spaziergängen deutlich das Noah seinen Schwanz nicht anheben konnte. Darüber hinaus versuchte er zwar immer Kot und Urin abzusetzen, aber es wollte ihm meist einfach nicht gelingen. Seine Bewegungen ließen uns außerdem zunächst ein Hüftproblem vermuten, doch dies war ganz offensichtlich nicht sein größtes Handicap.

Wir hatten Noah als Notfall von einer kroatischen Tierschutzorganisation übernommen, die ebenfalls keinerlei Informationen über seine Vorgeschichte hatte. Inwiefern seine körperlichen Defizite den Tierschützern vor Ort aber bereits aufgefallen waren, vermögen wir nicht wirklich zu beurteilen. Doch verständlich, wie schwer es bei mehreren hundert Hunden und einer niemals enden wollenden Flut an immer neuen Tieren ist, irgendwie den Überblick zu behalten oder gar ein Tier wirklich genau beobachten zu können. Alles was wir erfuhren und was Noah damit zu einem wirklich dramatischen Notfall vor Ort machte, war, dass er wiederholt das Opfer von Mobbing und schweren Bissverletzungen geworden war. In ausländischen Tierauffangstationen ist es oft schlichtweg unmöglich auf die Verträglichkeit und Befindlichkeiten eines einzelnen Tieres Rücksicht zu nehmen. Zu groß ist die Zahl derer, die irgendwie untergebracht werden müssen. Gerade kleine, geschwächte oder eben gehandicapte Hunde wie Noah werden so leicht und immer wieder das Opfer der größeren und stärkeren Tiere.

Die Theorie des durch eine Bissverletzung verursachten gestörten Harnabsatzes war also zunächst unsere vage Vermutung. Dies deckte sich auch annähernd mit den Angaben der kroatischen Tierschützer, die uns von einer früheren Operation im Genitalbereich bei Noah berichtet hatten. Allerdings sollte er diese ohne Komplikationen und Folgeschäden überstanden haben. Aber auch in diesem Punkt spielt die schwierige Situation vor Ort eine zentrale Rolle, so dass mangelnde oder falsche Informationen mehrheitlich nur eine Folge der permanenten Überforderung sind.

Für uns waren seine Defizite jedoch zunehmend immer weniger zu übersehen. Letztlich zeigten sich diese genau in dem Maß umso deutlicher, in dem Noah aufblühte und sein Verhalten uns gegenüber weiter veränderte. Je aufgeschlossener er wurde, je mehr Kontakt er zuließ, umso klarer erkannten wir das Noah ein Problem hatte, von dem wir noch nicht wussten was genau es sein konnte, das es aber nun eindeutig zu definieren galt. Genau zu diesem Zeitpunkt fand ein sehr nettes Ehepaar mit drei ebenso netten Kindern auf der Suche nach einem vierbeinigen Familienmitglied den Weg zu uns. Sie entdeckten Noah und wollten ihm ein Zuhause geben. Unsere Freude darüber war g renzenlos, doch zunächst wollten wir Noah noch einer eingehenden tierärztlichen Diagnostik unterziehen, um seine körperlichen

Defizite genau zu entschlüsseln.

Das zweifelsfreie Ergebnis der anschließenden Untersuchungen machte uns einmal mehr sprachlos und zutiefst betroffen. Ganz deutlich war auf den Röntgenaufnahmen ein Projektil in Noahs Lendenwirbelsäule zu erkennen, das auf seinem Weg bis zu dem Punkt an dem es steckenblieb, einige wichtige Nervenbahnen zerstört hatte. Damit lichteten sich für uns die Schatten von Noahs Vergangenheit auf einmal überraschend deutlich. Es war auf ihn geschossen wurden – gezielt und aus nächster Nähe. Vielleicht hatte er sich zu häufig an einem bestimmten Ort aufgehalten, an dem es Menschen gab, die keine Tiere duldeten, vielleicht hatte er aber auch zu oft irgendwo um Futter gebettelt, vielleicht aber auch eine ihm zugedachte Aufgabe nicht so erfüllt, wie es von ihm verlangt worden war. Vielleicht hatte Noah aber auch nur das Pech gehabt, das sein Weg den eines Menschen kreuzte, der ihm dieses abgrund tiefe Unrecht aus reiner Willkür und eigenem Unvermögen heraus angetan hatte. Wie auch immer, es hatte seine Spuren hinterlassen. Spuren, die vielleicht nie mehr ganz verschwinden und die Noah zeitlebens zu einem Hund mit Handicap machen würden.



Noahs Körper war gezeichnet, doch noch viel mehr ganz sicher seine Seele. Viele seiner Verhaltensweisen bekamen so für uns einen ganz neuen Zusammenhang, erschloss sich uns ein noch viel tieferes Verständnis für Noahs Rastlosigkeit auf den Spaziergängen, die immer einer stetigen Flucht glichen, ganz so als fürchtete Noah erneut um sein Leben würde er einmal kurz innehalten.

Beim gemeinsamen Blick mit der Tierärztin auf die Röntgenbilder konnte ich meine Tränen nicht verbergen. Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass ich mich mit dem Leid der vergessenen Tiere konfrontiert sah, doch werde ich mich nie daran gewöhnen und werde dieses besondere Gefühl der wütenden Traurigkeit und hilflosen Ohnmacht dabei niemals abstellen können. Es ist da, imme r wieder. Genaugenommen wird es jedes Mal nur noch intensiver.

Wie entsetzlich muss sich Noah, alleine und schutzlos diesem Übergriff ausgeliefert, gefühlt haben? Welche körperlichen Schmerzen ausgehalten und welche Ängste ausgestanden als er in Panik und Todesangst sicher versucht hatte um sein Leben zu rennen? Wie tief erschüttert muss er, dessen Herz sich alleine nach Liebe sehnt, immer noch sein, angesichts dieses traumatischen Erlebnisses? Ob die Kugel Noah sein Leben kosten sollte und er es nur mit viel Glück geschafft hatte ihr auszuweichen, so dass sie „nur“ seinen Rücken traf, bleibt ungewiss. Gewiss dagegen ist aber die seelische Starre in der Noah sich seitdem befindet und die zweifelsfrei einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf seine derzeitige Inkontinenzproblematik hat.

Mit der Diagnose und den Therapievorschlägen der Tierklinik konfrontiert, entschieden sich Noahs Interessenten dennoch dazu ihm eine Chance zu geben und ihn zu sich nach Hause zu holen. Unsere Freude darüber wa r wahrhaft grenzenlos, doch blieb eben auch ein Funken Skepsis. Wir entschieden uns aber das Ganze optimistisch zu sehen und vertrauten auf Noahs

ganz wunderbaren Charakter, den wir inzwischen so gut kennen und lieben gelernt hatten. Seine körperlichen Defizite konnte er mit seinem besonderen Wesen ausgleichen, daran wollten wir einfach ganz fest glauben. Wir wurden enttäuscht, denn nach nur vier Wochen gaben seine neuen Menschen auf. Gaben Noah auf, doch genau das tun wir nicht. Wir wollen neue Wege mit ihm suchen, sie finden und sie auch gehen. Zweifellos verbunden mit größeren Anstrengungen, hat dieser Hund eine, seine Chance dennoch so unendlich verdient. Noah sucht besondere Menschen, ohne Frage. Menschen, die mit einem körperlichen Handicap ganz selbstverständlich umgehen und für die der Wert eines Lebens nicht von dessen Unversehrtheit abhängt. Denn Noah ist ein Hund wie jeder andere auch. Er will lieben und er will leben – in der Mitte der Menschen, in deren Herz er endlich Zuhause sein kann. Über alle dunkle Zeiten hinweg hat er sich in seinem Herz dennoc h das Licht der Liebe und der Lebensfreude bewahrt. Wie genau Tiere wie Noah das vor dem Hintergrund ihrer Geschichte schaffen, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Doch gerade deshalb gebührt ihnen immer wieder allergrößter Respekt.

Respekt, genau das ist es, was jedes Leben verdient. Für Tiere mit Handicap kann er jedoch geradezu zum heilenden Lebenselexier werden. Denn auch wenn eine Heilung auf körperlicher Ebene vielleicht nicht mehr vollständig möglich ist, so kann sie doch auf seelischer Ebene geschehen und damit zu einer deutlichen Verbesserung der derzeitigen Problemstellung führen. Noah braucht Unterstützung, auf vielfältige Weise. Homöopathische Therapiemöglichkeiten ergänzen dabei die vor allem nötige psychische Aufarbeitung des seelischen Schocks. Doch nichts könnte für Noah wichtiger sein, als die richtigen Menschen an seiner Seite, die ihn in uneingeschränkter Liebe genauso annehmen wie er ist. Oder besser gesagt, wie er von menschlicher Hand gemacht wurde. Menschen, die ihm seine Würde wiedergeben, die bereit sind einen neuen Weg mit ihm gemeinsam weiter zu gehen und für manche Dinge des täglichen Lebens andere Lösungen und Kompromisse zu finden. Er hätte diese besonderen Menschen so sehr verdient, unser besonderer Noah.

Alles könnte möglich sein auf diesem, seinem Weg. Wenn Noah Menschen findet, die alles für möglich halten. Menschen, die nicht zulassen, dass das Unrecht das ihm einst durch menschliche Hände widerfuhr, ihm zeitlebens die Möglichkeit auf ein erfülltes Dasein nimmt. Sie wären dabei nicht allein, denn wir bleiben an ihrer Seite und reichen auch weiter helfend unsere Hand. Denn wir wissen, ein Platz zum Leben alleine reicht nicht aus um die verletzte Seele eines missachteten Tieres wirklich zu retten. Nur wenn dieser Platz zum Lebensplatz wird, kann die Reise wirklich enden, kann ein Herz vollständig heilen.

Noah soll ankommen dürfen. Trotz oder gerade wegen seinem Handicap. Wir wollen sie für ihn finden, seine besonderen Menschen. Das ist unser Versprechen.

Jana Schaube,
30. Januar 2013

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