zurück zur Übersicht

Pia (ehem. Roschka)

Post von Pia (ehem. Roschka): 24.07.2019, 18 Brief(e)

Mischling, Hündin, kastriert, geb. ca. 2010, Größe: ca. 40 cm

Die kleine Wuschel-Mix-Hündin Roschka schaut noch mit sehr großen und ängstlichen Augen in ihre neue Welt, in der ihr alles so fremd und unvertraut ist. Wir haben sie gemeinsam mit einigen anderen Hunden von einem befreundeten bulgarischen Tierschutzverein übernommen. Leider gehört auch Roschka zu den vielen, unzähligen Hunden, die bereits im Tierheim geboren wurden und aufgrund der riesigen Vielzahl der Hunde keine Chance hatten, ein eigenes Zuhause zu finden.

Was es aber für einen kleinen Hund wie Roschka, vermutlich ein Terrier-Mix, bedeutet, fünf Jahre lang nur unter Tierheimbedingungen zu leben, spottet wohl jeder Beschreibung. So sehr die Mitarbeiter sich auch bemühen, niemals gelingt es ihnen, sich um die große Vielzahl zunächst an Welpen, dann an heranwachsenden Hunden und zu guter Letzt an scheuen erwachsenen Hunden adäquat zu kümmern, zu denen sich Hunde wie Roschka in aller Regel entwickeln.

Anders als ein glücklich geborener Welpe, lernt ein Hund wie Roschka nicht die in der Präg ephase nötigen Umweltreize kennen, die wichtig sind, um sich in einem Leben an der Seite des Menschen gut zurechtzufinden. Die Phase, in der der Welpe neugierig hinaus in das weite Leben geht, findet bei diesen Hunden nicht statt und sie verinnerlichen stattdessen, dass sie lieber in ihrem schützenden Gehege bleiben, weil ihnen dort vermeintlich nichts passiert. Doch ihre Welt bleibt sehr klein bei alledem - viel zu klein für einen jungen Hund, dem eigentlich alles offenstehen sollte. Im wahrsten Sinne des Wortes!

Roschka hat sich zunächst ihr eigenes Weltbild daraus gezimmert, das da lautet, sich in für sie uneinschätzbaren Situationen zurückzuziehen. Man kann es ihr nicht verdenken, denn die meisten für uns ganz alltäglichen Dinge müssen auf sie zunächst sehr bedrohlich wirken! Ein Hund wie sie braucht endlos viel Zeit und Geduld - und im Idealfall einen sehr souveränen und bestens auf den Menschen geprägten Artgenossen in seinem Umfeld, an dem er sich orientieren kann. Ein Hund wie sie ist keinesfalls ein Anfängerhund, mag sie auch optisch noch so ansprechend und reizvoll daherkommen! Sie braucht sehr sensible Menschen, die ihr zunächst all den Rückzug lassen, den sie benötigt, bis sie Sicherheit gewonnen hat. Derzeit unterstützen wir Roschka mit einer gezielt auf sie abgestimmten Bach-Blüten-Mischung, die ihr hilft, mit dem ganzen Stress bei uns besser zurechtzukommen. Das ersetzt keinesfalls die nötige Resozialisierung und Erziehung, die sie nun Stück für Stück erfahren muss sondern es hilft ihr vielmehr, ihre Aufnahmebereitschaft zu erhöhen, anstatt sich von ihrer Angst und Unsicherheit "auffressen" zu lassen. Es gibt weiterhin viele Hilfsmittel, die einem Hund wie Roschka die Eingliederung zu erleichtern vermögen und hier beraten wir Sie natürlich gerne. Vom speziellen Geschirr, bis zum Thundershirt, bis zu entsprechenden Literaturtipps - es gibt vielfältige Möglichkeiten.

Ein Hund wie Roschka braucht einen innerlich sehr stabilen, ausgeglichenen und ruhigen Menschen an seiner Seite, der ihr in jeder Lebenslage vermittelt, dass sie sich sicher fühlen kann und dass er die Führung übernehmen kann. Sie braucht jemanden, dem sie sich anvertrauen mag und an dem sie sich orientieren kann. Hierzu gehören auch ganz strukturierte Tagesabläufe und klar erkennbare Regeln, denen sie sicherlich im Laufe der Zeit folgen wird.

Wir rechnen auf jeden Fall mit einer längeren Anbahnungszeit, denn Roschka muss zunächst Vertrauen fassen können. Sie hat praktisch gerade erst die Umgebung verlassen, die sie für ihre ganze Welt gehalten hat und ihre neue Welt kann sich ihr daher nur Stück für Stück erschließen. Wie bei einem Computerprogramm muss sie sich praktisch neue "Datenbanken" an Informationen anlegen, in denen sie all die neuen Impressionen sammelt und verarbeitet, die sie gerade erlebt. Alle nun stattfindenden Erlebnisse sollten daher möglichst positiv unterlegt sein, was bedeutet, dass mit sehr viel positiver Verstärkung bei ihr gearbeitet werden sollte. Die Idee ist es dabei, dass das Gehirn nach und nach a ll die "Schreckgespenster" abzulegen bereit ist und durch die neue positiven Erlebnisse überlagert. Doch der Weg dahin ist - und das wollen wir keinesfalls verhehlen - durchaus steinig und weit. Aber, ganz klar, er ist nicht nur gangbar sondern er ist vielmehr äußerst lohnenswert!

Ein Hund ist LEBENSLANG lernfähig, was im Klartext auch bedeutet, dass er lebenslang in der Lage ist, im Gehirn neue Verknüpfungen herzustellen und sich neue Lernprogramme zu erarbeiten, auf die er künftig zurückgreifen kann. Mittlerweile spricht man auch nicht mehr davon, dass die in der Prägungsphase erlittenen Defizite "unauslöschbar" sind, weil man erkannt hat, dass eine Resozialisierung sehr wohl Früchte tragen kann. Die Mischung muss in dem Fall stimmen, in der man Roschka mit immer neuen kleinen Umweltreizen konfrontiert, ohne sie jedoch permanent damit zu überfordern. Dafür braucht es einiges an Fingerspitzengefühl und Hunde-Know-How.

Und das ganze Lebensumfeld muss natürlich stimmen. Roschka braucht daher ein sehr ruhiges, eher ländlich gelegenes Umfeld, denn sie wird ganz sicher nicht mit den Großstadtaktivitäten zu Recht kommen. Wir empfehlen in solchen Fällen auf jeden Fall, einen auf ängstliche Hunde spezialisierten Hundetrainer zu Rate zu ziehen, der sie bei der Resozialisierung unterstützt. Kasernenhofton im Sinne von "da muss er jetzt durch" ist hier keinesfalls angebracht und hier sollten Sie sich im Vorfeld gut informieren! Kinder sollten nicht in der neuen Familie sein, weil Roschka aufgrund ihrer Zurückhaltung nicht mit der Impulsivität eines Kindes zurechtkommen wird. Natürlich gibt es immer Ausnahmen von der Regel und sehr sensible Kinder, die in der Lage sind, sich auf einen so ängstlichen Hund einzustellen.

Sich bewusst für einen Hund wie Roschka zu entscheiden, nötigt auch uns immer wieder größten Respekt ab - denn es sollte eine Entscheidung für immer sein, die auf jeden Fall gut überlegt sein soll. Wir verlangen nicht nur vom zukünftigen Zuhause sehr viel sondern auch von unserer Roschka - denn s ie muss in ein ihr vollkommen unbekanntes und unvertrautes Leben springen und wir können ihr nicht vermitteln, dass sie genau dadurch einen Hauptgewinn im Leben ziehen kann. Was wir Ihnen als zukünftiger Adoptant jedoch versichern können, ist, auf wie viele glückliche Vermittlungen dieser Art wir zwischenzeitlich schauen können. Damit möchten wir Ihnen Mut machen, wie sehr es sich lohnt, all diese Zeit, Arbeit und Mühe zu investieren. Sie bekommen dadurch einen ganz besonderen und einmaligen Hund, der sich Ihnen so eng anschließen wird, wie sonst kaum zu finden ist. Ganz aktuell können Sie dies in unserer Jubiläumszeitschrift, die bei uns ausliegt, übrigens nachlesen.

Wenn wir uns Roschka anschauen, so glauben wir ganz fest daran, dass sie hinter ihrem Zottelpelz sehr wohl ein sonniges Wesen hat, das nur aus seiner Festung befreit werden will. Dass sie (fast) ebenso wie jeder andere Hund auch ein fröhliches Leben führen kann, in dem Spaß, Lebensfreude, Liebe und Zuneigung irgendwann die Überhand über die Angst und das Misstrauen gewinnen werden. Wir möchten Roschka glücklich sehen, denn es sind gerade diese vergessenen Hunde, die irgendwo ihr tristes und eintöniges Dasein führen, die unser Herz ganz besonders zu berühren vermögen. Daher werden wir alles daran setzen, die richtigen Menschen für unser kleines Goldstück im Zottelpelz zu finden!

Update 03/2016

Roschka ist mittlerweile schon ein halbes Jahr bei uns - und wie leider zu erwarten war, hat sich bislang noch niemand ernsthaft für sie interessiert. Wir möchten das daher zum Anlass nehmen, noch mal etwas ausführlicher auf das in einem Hund wie Roschka sehr wohl schlummernde Potenzial einzugehen. Roschka hat zunächst unsere Vermutungen, dass sie nichts kennengelernt hat in ihrem bisherigen Dasein, in allem bestätigt.

Doch sie hat auch gezeigt, dass sie auf jeden Fall bereit ist, in kleinen Schrittchen - und in ihrem ganz eigenen Tempo - hinzuzulernen und sich dem Menschen zu öffnen. Hier sagen wir bewusst "dem Menschen", weil es nicht beliebig viele Menschen sind und künftig sein werden, die Roschka in ihren kleinen Kosmos hineinzulassen bereit ist. So hat sie sich einer unserer Mitarbeiterinnen ein Stück weit geöffnet, ebenso, wie sie nun anfängt, sich einer unserer ehrenamtlichen Gassigängerinnen anzuvertrauen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Roschka nach und nach aus ihrem Schneckenhaus hinaus zu holen.

Dieser Weg führt immer nur über ewige Wiederholungen, um einmal gemachte Erfahrungen zu verfestigen und irgendwann als (fast) normal anzusehen. Nein, Roschka kommt immer noch nicht freudestrahlend angerannt, wenn es darum geht, sie zu einem Spaziergang abzuholen. Die - zugegebenermaßen recht aufwendige - Lösung ist in dem Fall, einfach mit dem kompletten Rudel, in dem sie derzeit lebt, gleichzeitig spazieren zu gehen. Was bedeutet, dass mehrere ehrenamtliche Gassigänger gleichzeitig vor Ort sein müssen, um gemeinsam die kleine Rasselbande bändigen zu können.

Genau dann aber geht Roschka nach einer gewissen Anlaufzeit mittl erweile sogar gerne mit spazieren und wenn sie sich unbeobachtet fühlt, geht auch schon mal das Schwänzchen hoch und sie beginnt rechts und links des Weges ganz unvermutet vorsichtig zu schnuppern. Roschka braucht einen Menschen an ihrer Seite, der ihr zweifelsfrei vermittelt, dass man neue Dinge nicht nur tun kann sondern dass man sie gemeinsam bewältigen und an diesem gemeinsam Tun sogar wachsen kann. Unabdingbar ist dabei ein souveräner Artgenosse, an dessen Fersen Roschka sich notfalls heften kann, sobald ihr etwas unheimlich wird. Gerne natürlich auch mehrere!

Sehr typisch ist es für einen Hund wie Roschka, dass sie nicht ertragen kann, wenn ein ihr fremder Mensch hinter ihr hergeht, weil sie dann fürchtet, von hinten angegriffen zu werden. Es reicht sogar schon aus, sie erschrecken zu lassen, wenn ein anderer Hund unvermutet in sie hineinläuft, was den Schluss nahelegt, dass sie ein typisches Mobbingopfer gewesen sein könnte. Ebenso kann sie es nicht ertragen, frontal angeschaut zu werden oder dass ein Mensch sich direkt auf sie zubewegt und zu ihr herunterbeugt. Sie deutet all das als akute Bedrohung, fällt schlagartig in sich zusammen und versucht, sich im nächstbesten Gebüsch zu verstecken. Nie würde sie in so einer Situation nach vorne gehen, ihre Strategie ist vielmehr, sich irgendwie unsichtbar zu machen.

Auf so ein Verhalten muss man gefasst sein und gerade deshalb ist es bei ihr auch so wichtig, dass sie stets gut mittels Geschirr und Halsband g esichert ist, damit sie sich nicht hinterrücks aus der Leine ziehen kann. Je mehr sie aber lernt, dem Menschen, der sie an der Leine führt zu vertrauen, desto eher kommt sie künftig mit derlei alltäglichen Situationen zurecht. Auch hier macht Übung den Meister!

Ebenso genießt sie es mittlerweile, stundenlang auf dem Schoß unserer Gassigängerin zu sitzen und lässt sich sogar schon mal die verfilzten Stellen aus dem Fell bürsten. Hunde wie Roschka muss man tatsächlich immer ein ganz klein wenig zu ihrem Glück zwingen, denn es ist nicht davon auszugehen, dass sie sich von selber vollkommen unbekannte Dinge trauen werden, die gar nicht in ihrem Erfahrungsschatz vorhanden sind. Ganz im Gegenteil geht es ja darum, diesen vernichtend geringen Erfahrungsschatz Stück für Stück zu erweitern und mit vielen kleine positiven Dingen zu verknüpfen, damit der Hund irgendwann das Vertrauen in den Menschen und in sich selbst lernt und letztlich verinnerlicht. All das aber braucht sehr viel Zeit und noch mehr Geduld. Abe r zu sehen, wie für den Bruchteil einer Sekunde in Roschka ganz normale hündische Lebensfreude aufflackert, lässt ahnen, wie viel mehr da noch drin sein wird! Und das lässt einem das Herz aufgehen.

"Puh, ganz schön mühselig…", denken Sie vielleicht gerade - aber nur so kann und wird es funktionieren! Wir haben nun einen kleinen Grundstock gelegt, der aber jetzt unbedingt und vor allen Dingen kontinuierlich ausgebaut werden sollten - was aber nur in einem endgültigen Zuhause der Fall sein kann. So sehr wir uns das auch wünschen, aber unsere Bemühungen können immer nur begrenzt greifen, da es uns im turbulenten Tierheimalltag nicht möglich ist, Roschka diese Sonderbehandlungen so oft angedeihen zu lassen, wie sie eigentlich nötig wären.

Wir wissen nicht, welche Entwicklung Roschka bewerkstelligen wird, aber wir sind sicher, dass sie das Potenzial in sich trägt, zu ungeahnten Höhenflügen aufzusteigen. Die Voraussetzung ist jedoch, dass sie Menschen findet, die fest an sie glauben und die immer an ihrer Seite bleiben. Sie glauben das nicht so recht? Dann lesen Sie mal in der Rubrik Freudentränen die Geschichte von Travis.

Und wir glauben ganz fest daran, dass es diese besonderen Menschen auch für Roschka irgendwo geben wird, dass sie nur einfach noch nicht den Weg zu uns gefunden haben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden - und zwar ganz bald!

Pia (ehem. Roschka) Pia (ehem. Roschka)
Pia (ehem. Roschka) Pia (ehem. Roschka)
Pia (ehem. Roschka) Pia (ehem. Roschka)